Silbergeuß

Der Frühling hat schon eine ganze Weile begonnen, nimmt man die allerorten blühenden Schneeglöckchen und Krokusse als Maß. Dennoch überziehen immer mal wieder Schauer körnigen Eises die grünende Flur, um es mit Faust’s Worten zu sagen. Heinrich Seidel dichtete: April! April! Der weiß nicht, was er will.
Aber noch haben wir März. Altdeutsch Lenz oder Lenzing genannt. Vom Acker her duftet es nach Erde, erste Insekten fliegen, in den Gärten beginnt es sich zu regen und der Maler begibt sich auf einen Erkundungsgang im Lenz.

Eines frostigen Abends sah ich mich eine schneebedeckte Straße entlang gehen. Mein ewigtreuer Begleiter, der Schatten, schwebte tänzelnd um mich herum. Bald schlich er mir nach, bald eilte er voran. Im gelblichen Licht der Straßenlaternen glitzerten Schneekristalle. Keine aus Geschäften dringende Hintergrundmusik störte das kaum vernehmbare Rascheln der kalten Luft. Da sprang eine Tür auf, aus der gedämpftes Stimmengewirr zu hören war. Ein Streifen warmen Lichtes fiel auf die Straße. Ich trat ein. Ein länglicher Raum erstreckte sich in die Tiefe. Die Wand zur Rechten war zur Hälfte verklinkert, dann schloss sich eine Nische an, in welcher der Ausschank stattfand. Auf hölzernen Bänken und Stühlen zur Linken ließen seit langer Zeit nicht gesehene Freunde die Becher rastlos kreisen. Köstliche Tabakwaren lagen auf den Tischen. Verzierte Aschenbecher funkelten unter Kupferlampen. Manch einer hatte ein kleines Oktavbändchen aus der Kuttentasche gezogen und saß, leicht abgewendet, rauchend in ein Gedicht von Tao Yüang-Ming oder einen Aphorismus von Lichtenberg versunken, sah bisweilen den blauen Kringeln des Zigarettenrauches nach, lies die Gedanken schweifen, träumte vom Pfirsichblütenquell. Eine letzte Runde noch, dann erhoben sich die Zechbrüder und schwankten betrunken, ein jeder für sich, voller Glück nach Hause.
Ich erwachte erfrischt und heiter aus dem Schlaf und begab mich zur Morgentoilette. Während des Frühstücks stellte ich das Radio an und hörte die neuesten von der Regierung beschlossenen Verordnungen zur Regulierung des öffentlichen Lebens. Jedoch, meine Gedanken schweiften ab und ich dachte an den Traum von einer alten, längst vergangenen Zeit.

Am letzten Sonntag schneite es Pfirsichblütenschnee. Der sah orange aus und kam, wenn man den amtlichen Meldungen glauben darf, aus der Sahara. Diesem Schnee macht die Glut der Wüste nichts aus, er ist Klimawandelresistent. Trotz seines ungewöhnlichen Ursprunges fühlte er sich frisch und kühl an. Leider zierte der orange Ton die Landschaft nicht lange, denn in der Nacht zum Montag gab es einen immensen Niederschlag von weißem Schnee. Das Orange wurde überdeckt.
Ich beobachtete durch die Fensterscheibe die Vögel am Futterhäuschen und dachte an Chrysanthemen. Vielleicht weil Pfirsichblüten nicht orange sind.

Während ich diesen Artikel schreibe, steckt mir der Schock noch in allen Gliedern. Es ist unfassbar und ich bin moralisch entrüstet, wie noch nie. Als ich heute früh die aktuellen News im Internet aufschlug, war als eine der Headlines zu lesen: „Die Queen setzt Brexit-Gesetz in Kraft.“
Passend dazu illustrierten die Süddeutsche und die Tagesschau diese erschütternde Meldung mit einem Bild, welches die Queen im schwarzen Gewand zeigt, in symbolischer Trauerkleidung sozusagen. In der Bildzeitung dagegen sitzt sie im blauen Kleid am Schreibtisch. Wahrscheinlich wurde hier auf lebhafte Kontrastierung geachtet, um die Corona-Langweile, welche die Bevölkerung bedroht, zu bekämpfen.
Ein löbliches Unterfangen, das nicht genug gewürdigt werden kann. Was gemeinhin, und vor allem in den Zeiten prävalierender Lockdowns, verschwiegen wird, will ich hier nun kundtun: Die größte Geißel der Menschheit ist die Langeweile! Möge mein Ausruf auch ungehört verhallen, nicht nur mir ist diese Anschauung zu eigen. Bertrand Arthur William Russell schrieb einst: „Langeweile ist ein schweres Problem. Mindestens die Hälfte aller menschlichen Sünden erwächst aus der Furcht vor Langeweile.“
In seinem Werk Die Welt als Wille und Vorstellung bemerkte Schopenhauer zur Langeweile: „Fehlt es ihm [dem Menschen, Anm. d. Verf.] hingegen an Objekten des Wollens, indem die zu leichte Befriedigung sie ihm sogleich wieder wegnimmt; so befällt ihn furchtbare Leere und Langeweile: d.h. sein Wesen und sein Daseyn selbst wird ihm zur unerträglichen Last. Sein Leben schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her, zwischen dem Schmerz und der Langenweile, welche Beide in der That dessen letzte Bestandtheile sind.“
Ja, und in diesen Zeiten des verordneten Stubenarrests wird das Pendel in Richtung der Langeweile ausschlagen, bis es mit ihr kollidiert.
Doch zurück zum Ursprung unseres Gedankenpfades, zur Headline und dem Konterfei der Queen daneben. Bei der Betrachtung des Bildes, den Artikel auch noch zu lesen, war mir dann doch zu mühselig, also bei der Betrachtung des Bildes schlug meine Entrüstung in tiefe Traurigkeit um. Die Engländer haben uns verlassen, wie konnten sie nur. Die Undankbaren! Nun trennt uns von ihnen ein Kanal salzigen Wassers, wie einst der Hellespont Hero und Leander, oder das tiefe Wasser die beiden Königskinder. Alle Zuwendungen waren umsonst. Die Anreicherung unserer Sprache mit Anglizismen, selbst das Wembley-Tor. Alles umsonst. Die Amerikaner haben es in dieser Beziehung wahrscheinlich besser gemacht als wir. Sie haben gleich zu Beginn ihre ganze Sprache durch Anglizismen ersetzt. Jetzt sind sie und die Engländer beste Freunde.
Das alte Jahr wirft seine Schatten auf das neue Jahr und mir bleibt nur eines, meinen geneigten Lesern zu wünschen, bleiben Sie gesund! Stehen Sie die Zeit der Langeweile stoisch durch, wie einst Gary Cooper die Mittagsstunde. Haben Sie keine Angst vor dem Jahreswechsel. Er wird in einem infinitesimal kleinen Zeitpunkt passieren, für uns praktisch nicht spürbar. Weil das so ist, wurde ja überhaupt erst das Feuerwerk erfunden. Genauso, wie wir Nasen haben, damit wir Brillen aufsetzen können. Voltaire veröffentlichte diese Erkenntnis in seinem Candide schon 1759.

Ein gesundes neues Jahr!

Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb,
sie konnten beisammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

Zum Frühstück zwei Semmeln mit Schinken und drei gekochte Eier. Das zweite Frühstück am späten Vormittag lockt mit Bratkartoffeln und einem Schnitzel an den Tisch. Zum Mittag gönnen wir uns 6 Forellen und ein Stück Rindfleisch. Dazu zwei Flaschen Rotwein. Zur Vesper gibt es einen Apfelstrudel und ein Viertel Dessertwein. Das Abendessen besteht aus zwei bis drei gebratenen Tauben oder am besten gleich aus einer ganzen Ente. Dazu wieder zwei Flaschen Wein. Als Betthupferl gibt es am späten Abend Kartoffelsalat und kalten Braten und schließlich zur Förderung des Nachtschlafes zwei Liter Bier.
So ungefähr muss Adalbert Stifters täglicher Speiseplan ausgesehen haben. Der Dichter der Waldidyllen und asketisch lebender Figuren, litt an Völlerei, auch Freßsucht genannt. Das brachte ihm eine Leberzierrose ein und den Tod. Wobei er diesem durch Suizid vorgriff.
Unglaublich, wie Stifter mit solch einem überfüllten Magen überhaupt noch schreiben konnte. Als Nebenbeschäftigung neben dem Essen sozusagen. Uns waren zweimal Gänsebraten mit Thüringer Klößen an den Feiertagen schon fast zu viel. Es hat hervorragend geschmeckt, alles war selbst gekocht und zubereitet. Auch die Klöße. Aber dann ist es auch genug und wir freuen uns auf den Gänsebraten zum nächsten Weihnachtsfest in einem Jahr.
Am Sonntag hatten wir Pellkartoffeln und Quark. Ein Genuss nach all der Üppigkeit.

In den Höhenlagen der Mittelgebirge hat es die letzten Tage geschneit. Die Temperatur fiel in der Nacht so tief, dass sich auf dem kleinen Teich im Garten eine dünne Eisschicht bilden konnte. Schnee ist hier aber keiner liegengeblieben, wenn überhaupt welcher gefallen war. Das Eis in der Mitte hält sich noch wacker und an den getauten Rändern finden sich die Vögel zum Trinken ein. Finken und Meisen und wenn sich eine Amsel an der Wasserstelle nieder lässt, fliegen sie auseinander, setzen sich in die Sträucher, die das Ufer umsäumen und beobachten von dort die Lage. Sobald die Luft wieder rein ist, stellen sich die Vögelchen, eines nach dem anderen, aufs Neue am Ufer ein.
Der Winter ist dieses Jahr bei weitem nicht so streng, dass die heimischen Vögel leiden müssen. Trotzdem ist gleich neben dem Teich aus alter Gewohnheit ein großes Vogelhaus errichtet und mit Futter wohl gefüllt. Sollten im Januar, der früher Hartung oder Hartmonat hieß, wahrscheinlich, weil es in der eisigen Jahreszeit hart war, zu überleben, sollten also Frost und Schnee hereinbrechen und den gefiederten Freunden die Nahrung in Wald und Flur verwehren, dann werden sie wissen, wo ein Plätzchen zum Überwintern und zum Überleben ist.

Die Besuche sind allenthalben abgesagt. Wir ziehen uns dieses Mal zum Jahreswechsel ein jeder in sein Gehäuse zurück. Von dort aus beobachten wir, wie der Einsiedler, der aus seiner Grotta am Berg über die Ebene späht, den Lauf der Dinge in der Welt. Den exponierten Ausguck muss der TV-Apparat ersetzen. Die Straßen leeren sich. Es ist auch irgendwie angenehm, diese Abwesenheit des Gewimmels und Gedränges in den Konsumkathetralen und Einkaufstraßen der Städte.
Selbst der Schnee hat sich zurückgezogen und glänzt mit Abwesenheit. Jedenfalls in den Thüringer Niederungen. Als die Sonne am späten Nachmittag hinter den Hügeln der Zechsteinriffe unterging, flatterte ein Krähenschwarm über die braunen Wiesen. Unstet, scheinbar orientierungslos, als ob ein Instinkt die Tiere daran hindert, sich wie gewohnt auf den Feldern niederzulassen.

Der Stubenarrest für die Bevölkerung, von der Obrigkeit angeordnet, wird kommen. Zu groß ist die Angst vor der Covid-Pandemie. Die Rate der Neuinfizierten liegt allerorten über den festgelegten Zumutbarkeitsschwellen. Von häuslicher Besinnlichkeit und Andacht, von einem frohen und friedlichen Fest braucht dieses Jahr nicht nur geredet werden. Den zum Jahresende regelmäßig avisierten und dann doch von Shopping- und Reiseaktivitäten torpedierten Meditationen könnten die Menschen dieses Mal in Ruhe frönen, da der erforderliche Zeitrahmen dafür per Verordnung festgesetzt und freigehalten wird. Außer denen natürlich, die im Pflege- und Gesundheitswesen ihren Dienst tun müssen.
Die wirtschaftliche Eintrübung wird wieder einmal die kleinen Einzelhandelsgeschäfte besonders hart treffen. Man hätte sie nicht zur Schließung nötigen sollen. Für die großen, eh schon im Geld schwimmenden Onlinehändler ist diese Zeit ein Segen.
Doch sollten die Maßnahmen nicht die erwünschten Wirkungen zeigen und die Inzidenzzahlen weiter steigen, was dann?

Raunen

06/12/2020

Unseres Lebens Mitte ist schon lang, schon lang erklommen,
Seitdem raunt‘s aus Wald und Flur mir an mein Ohr.

Landschaft mit raunendem Philosoph 24 x 35 Öl auf Malpappe

Was war die wichtigste Nachricht der letzten Woche? Wahrscheinlich diese: Spektrum berichtete, dass auf dem Mount Everest Mikropartikel von Polyester-Fasern aus Bergsteigerbekleidung gefunden worden sind. Ich bin erschüttert.
Die weniger wichtigen Neuigkeiten: Im Studio wurde eine Landschaft mit Kuh fertiggestellt. Als Vorlage diente eine Bleistiftskizze vom vergangenen Sommer.

Die wichtigsten Schlagzeilen der letzten Tage hatten es in sich. Der Tagesspiegel: „Das Auftreten von Joe Biden und Kamala Harris… Wenn Anstand zu Tränen rührt … Erleichterung nach den Trump-Jahren: Man möchte den frisch Gewählten vor Dankbarkeit um den Hals fallen …“
Die Berliner Zeitung: „Das Charisma von Kamala Harris: Eine Frau schreibt Politgeschichte … Was die nächste US-Vizepräsidentin ikonisch macht, ist ihre Aura: Sie versöhnt Moral und Glamour, Härte und Hollywood …“
Ihre Aura macht sie ikonisch? Oh mein Gott, der journalistische Blödsinn vermehrt sich rascher als die COVID-19 Bazille. Wo waren eigentlich die russischen Hacker zur US Wahl?
Vermutlich ist die Aura der Harris so dicht, wie die Schutzschilde der Enterprise. Die Hacker konnten sie nicht durchdringen.
Ihr Edelfedern, denen solcher Schwachsinn entströmt, legt das Schreibgerät nieder und stellt eure Tintenfässer als Nippes in die Schrankwände. In der Regel lesen mündige Erwachsene Zeitung. Gut, als mündiger Erwachsener kann man Zeitungen zusammenfalten und in den Papierkorb werfen, oder abbestellen.
Zum Glück gab es doch noch eine wirklich wichtige und ergreifende Schlagzeile: „Die Queen ist bis ins Mark erschüttert. Ihre Hofdame ist gestorben.“

Wiedergeburt

11/11/2020

Gesetzt dem Fall, die Buddhisten und Friedrich Nietzsche behielten recht mit ihren Behauptungen von der Wiedergeburt und der ewigen Wiederkehr, und gesetzt dem Fall, ich würde auf die eine oder andere Art wiedergeboren, so wünschte ich mir als amerikanischer Präsident wiedergeboren zu werden. Es ist doch einer der angenehmsten Jobs. Wenn es mal schlecht läuft, verdrückt man sich auf den Golfplatz, wie Trump, dem der Bote dort die Nachricht von der Wahlniederlage überbrachte. Ansonsten ist scheinbar auch nicht viel zu tun. Der alte Präsident hält bockig die Tür zum Weißen Haus von innen zu: „Du kommst hier nicht rein!“
Und der neue Präsident, wenn er nicht gerade durch krumme Geschäfte in Anspruch genommen wird, tritt von draußen bockig an die Tür: „Lass mich rein!“
So sind die beiden bis zur Inauguration Ende Januar mit sich selbst beschäftigt. Ach, lassen wir sie. Die Welt dreht sich weiter, ob mit oder ohne Präsidenten.

Pleinair

08/11/2020

Als ich heute früh vor das Haus trat, hielt die Natur für einen Augenblick den Atem an und die Sonne goss eine Fülle warmen Lichts über die reifkühlen Herbstäcker. Also packte ich das Malzeug ein und machte mich auf den Weg zum Pleinair. Schöner kann man einen solch herrlichen Sonntagvormittag nicht verbringen. Zumal auf der weltpolitischen Bühne seit Wochen nichts Bedeutendes passiert.

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