Am See

Draußen weht ein böiger Wind. Ich krame in der Mappe mit den alten Fotos. Urlaubsfotos von früher, vom Haff oder vom Achterwasser.
Die Stimmung an größeren Gewässern ist immer etwas Anderes als hier auf dem Land. Frischer Wind, weite Blicke, Schilf, Boote und ihr Zubehör, man kann sich nicht sattsehen, als Landratte. Ob das die Bewohner der Küsten- und Seeregionen auch so empfinden? Ich weiß es nicht. Vielleicht sind für sie Berge und Täler die kleinen Sensationen im Urlaub.
Heute ist mir einmal nicht nach Erkundungsgang. Ich nehme mir eines der Fotos als Anregung und erfinde eine Landschaft mit einem Zugang zu einem See. Ein Boot liegt am Strand, gesichert durch eine Leine. Schuppen und eine knorrige Weide kommen noch hinzu, ein bisschen Zaun und fertig. Zugegeben, die Weide sieht etwas exotisch aus.

Am See
Am See 24×32 Bleistift auf Papier

Butterblumen und Wehrkirche

Der Himmel hat sich in den letzten Tagen ein schon fast toskanisches Blau zugelegt und das schöne Wetter der Osterfeiertage hält weiterhin an. Im Internet war ein köstliches Bonmot zu lesen: Wenn es nicht regnet, bleibt es trocken.
Gestern:
Die Kelche der Butterblumen öffnen sich in der späten Nachmittagssonne weit. Manche Blüten sind schon abgefallen. Ich schneide mir von den großen, gelblich getönten Papierbögen, die ich einmal als Restposten erworben hatte, ein paar Blätter zurecht. Ungefähr 30cm mal 43cm. Ich will neuerdings auch größer skizzieren als A5 und A4, keine Ahnung, woher dieser Drang kommt. Auf dem kleinen Klapphocker neben dem Rasenstück sitzend, welches den Gartenteich von der Einfahrt trennt, wähle ich schwarze Kreide und beginne Butterblumen zu zeichnen.

Butterblumen
Butterblumen schwarze Kreide auf getöntem Papier 30 x 43

Heute Morgen:
Für das zurechtgeschnittene Zeichenpapier brauche ich eine Unterlage, sonst geht das nicht. Gestern hatte ich mich mit der Rückseite einer Ölmalplatte beholfen. Also fahre ich nach Neustadt in den Baumarkt und lasse mir eine HDF-Platte auf 40cm mal 50cm zuschneiden. Die passt gut in die kleine Zeichentasche und wenn die Blätter einmal ein bisschen größer werden, komme ich damit noch bis zu diesen Abmaßen aus. Den Rückweg nehme ich über die Tälerdörfer, die in den Hügelland-Tälern liegen. Eine herrliche Landschaft, und das Wetter ist sommerlich. In Döblitz stelle ich das Auto am Straßenrand ab. Die alte Wehrkirche zeichne ich immer wieder gerne und jetzt muss ich die neue Unterlage testen. Ich nehme diesmal einen 4B Bleistift. Das getönte Papier hat eine leichte Struktur, die sich bemerkbar macht. 4B funktioniert gerade noch. Besser für diesen Zeichengrund wären wohl Kohle, Kreide oder 8B Bleistifte. Das getönte Papier will tiefe Dunkelheiten. Bei den Butterblumen ging das schon ganz gut. Ich muss den Bleistift zweimal spitzen, weil sich die Spitze völlig aufgebraucht.

Wehrkirche Döblitz
Wehrkirche Döblitz Bleistift auf getöntem Papier 30 x 43

Kohlezeichnen

Lilienstein
Lilienstein

Wie ein adipöser Lindwurm wälzte sich die Wolke über den fernen Lilienstein. Stift, der Zeichner von den drei Eichen, bestaunte das Schauspiel mit offenem Mund. Schon kreiselten seine Gedanken, ob sich denn von diesem Naturwunder ein verkäufliches Blatt in Kohle anfertigen ließe. Mit seinem Gefährten Fludribus befand er sich auf Wanderschaft, um Zeichnungen nach der Natur anzufertigen. Stifts merkwürdige Neigung zum intensiven merkantilen Grübeln ließ ihn zuweilen sogar die auf ihn wartende bezaubernde Camilla, Tochter der Signora Palpiti, vergessen. Nicht nur das, auch die Kohle, das Zeichenmaterial, hatte er zu Hause liegen gelassen. Also machten sich Stift und Fludribus daran, ein kleines Feuerchen zu entfachen, um ein paar Buchenzweige, die sie vom Waldboden aufsammelten, zu verkohlen.
Da blies aus der Lindwurmwolke ein heftiger Wind, der das Feuer in das trockene Unterholz trieb und schon brannten die Büsche und kleinen Bäume auf der Felsplatte, die sich die beiden fahrenden Künstler zum Aussichtspunkt gewählt hatten, lichterloh. Bei dem Versuch, das Feuer zu löschen, stürzten sie schließlich vom Felsen. Glücklicherweise fielen sie in eine Gruppe junger, stachliger Fichten, die die sausende Abfahrt soweit bremsten, dass sie sich zwar unversehrt, aber doch mit blauen Hinterteilen auf weichem Grase neben einem friedlich dahin murmelnden Bach wiederfanden. In diesem Moment entfuhr dem Lindwurm, der sich weiter herangewälzt hatte, ein knallender Blitz und der darauf folgende Gewitterregen löschte das Feuer auf dem Plateau über ihnen.
Die Erkenntnis der Geschichte ist, dass das Kohlezeichnen nicht ganz so einfach ist. Aber doch einfach genug, dass jeder es getrost einmal versuchen kann. Die Zeichenkohle zwingt zum großzügigeren Arbeiten. Man sollte zunächst auf allzu viele Details verzichten. Kohle kann gut korrigiert werden und eignet sich zum Entwerfen von Bildern.

Mann vor altem Grabstein
Mann vor altem Grabstein

Leider gibt es auf Grund der oben geschilderten Ereignisse keine Bilder vom Studiengang der beiden Künstler. Deshalb habe ich, ungeachtet oder trotz meiner verkümmerten Fähigkeiten, versucht, selbst eine Ansicht der Lindwurmwolke über dem Lilienstein in Kohle zu wagen. Der geneigte Leser verzeihe die laienhafte Umsetzung.
Ein glücklicher Umstand spielte mir außerdem zweiter Blätter aus den Skizzenbüchern von Stift und Fludribus in die Hände, die ich hier gerne als Beispiele für Kohlezeichnungen anhänge.

Porträtstudie Tagore
Porträtstudie Tagore

Auf den beiden Blättern ist ein einmal ein Mann dargestellt, der vor einem alten Grabstein sitzt und den plötzlich ein Vogel besucht, zum anderen eine Porträtstudie von Tagore.

Venus

Venus nach Botticelli
Studie a4

 

 

 

Jetzt, wo der November begonnen hat, der Nebelung, träumte ich von Botticellis Venus. Jetzt, wo der altmodische Mensch unserer Breiten den Nordwind erwartet, Nebelfelder und frühmorgendliche Eiskristalle über nochgrünen Wiesen, Gedanken an die Meerschaumgeborene, wie sie anlandet auf ihrem Muschelnachen. Sie hat ein dünnes Gewand bekommen. Es wird kalt.

Sommerwiese

Eine Erinnerung an duftende und blühende Sommerwiesen, das knispeln der Insektenflügel, den tiefblauen Himmel suchte mich heute heim.

Sommerwiese
24 x 33 Kohle/Papier

Kohlezeichnungen und Lebenszeit

Lang genug ist das Leben und reichlich bemessen auch für die allergrößten Unternehmungen, wenn es nur gut angelegt ist. Also sprach Seneca. Heute zum Beispiel war genug Zeit für Kohlezeichnungen. Es wurde keine Lebenszeit verschwendet. So wie der Angler keine Lebenszeit verschwendet, wenn er angelt. Auch, oder gerade, wenn er nichts fängt.