Anatomische Skizzen

Wenn man mal nicht weiß, womit man sich die Zeit vertreiben könnte, wenn es langweilig wird, bietet sich die Möglichkeit den A5 Skizzenblock hervorzuholen und ein bisschen Anatomie zu üben. Vor allem Hände sind immer wieder eine Herausforderung. Gleich nach der Hand in Richtung Rumpf kommt der Unterarm mit Elle und Speiche, welcher mit Hilfe des Ellenbogengelenks (Articulatio cubiti) mit dem Oberarm verbunden ist. Das Ganze ist ein ziemlich kompliziertes Gebilde und man hat am Anfang Mühe, sich die Mechanik von Elle und Speiche bildlich vorzustellen. Vor allem bei Pronation der Hand, d.h. Einwärtsdrehung. Dabei dreht sich die Speiche um die Elle, so dass die Knochen schließlich über Kreuz liegen. Der Handrücken zeigt dann nach vorn, dies ist die Ruhestellung der Hand. Die Auswärtsdrehung der Hand, so dass die Handfläche nach vor zeigt, nennt man dagegen Supination. Ohne anatomisches Lehrbuch ist es kaum möglich, sich diesen Stoff anzueignen. Doch nur wenn man die Funktionen des Skelettes verstanden hat, kann man einigermaßen wahrheitsgetreu den menschlichen Körper in Ruhestellung und in Aktion zeichnen. Dazu G.Bammes: „Wer einen Arm in der Ordnung seines Volumens, seiner Richtungen und Zusammenhänge verstanden zeichnen oder modellieren will, der muss unbedingt das Armskelett in Funktion gezeichnet haben.“

Am Rande der meisten Skizzenblätter ist Platz, um das gerade erarbeitete in kleine Figurenskizzen einfließen zu lassen. Davor sollte man sich nicht scheuen. Der Skizzenblock ist dazu da, Möglichkeiten auszuprobieren, auch einmal falsch zu zeichnen und rigoros zu korrigieren. Der Skizzenblock ist der Spiel- und Übungsplatz des Künstlers.
Nach den Studien, die man aus einer Künstleranatomie abgeleitet hat, ist die Zeit gekommen, Hände in Aktion nach der Natur zu beobachten und zu zeichnen. Zum Beispiel häkelnde oder strickende Hände. Sehr hilfreich, wenn der Partner oder die Partnerin ein solches Hobby pflegt. Ja auch Partner können stricken, das ist nichts Ungewöhnliches. In Peru gibt es ein indigenes Volk, die Quechua. Ein Teil von ihnen lebt auf der Insel Taquile auf dem Titicacasee, die als die Insel der strickenden Männer berühmt geworden ist. Na gut, es wäre zugegebenermaßen ein ziemlich hoher Aufwand, wegen anatomischer Handstudien bis zum Titicacasee zu reisen.

Auf die Handstudien folgen nun Zeichnungen von Hand und Unterarm im Verbund. Streng trennen lassen sich die Stoffgebiete nicht. Bestimmt sind bei den Handstudien schon die eine oder andere Untersuchung des zugehörigen Unterarms mit erfolgt. Allmählich kommt man dann zum Oberarm, zum Rumpf und schließlich zur ganzen Figur. Das Anfertigen mannigfaltiger Skelett- und Figurskizzen festigt das Gelernte. Der Kontrapost als eine wichtige Grundlage im figürlichen Zeichnen sollte immer mal wieder auf einem Skizzenblatt auftauchen. Einfach, damit die Vorstellungskraft nicht einrostet. Aus dem gleichen Grunde findet auch so mancher Schabernack seinen Weg auf’s Blatt.

Skizzen

Ein großer Mittag

Scheue dich nicht vor dem Mittag, wenn die Schatten still stehen, wenn der Himmel sich in’s Türkise wandelt, wenn die hohe Sonne ihr hellstes Licht in die Fluren gießt, wenn die Quecksilberröhrchen der Thermometer bersten, die Feld- und Waldwege im hellsten Ocker gleißen, der Strohhut seine Berechtigung hat.

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Am See

Draußen weht ein böiger Wind. Ich krame in der Mappe mit den alten Fotos. Urlaubsfotos von früher, vom Haff oder vom Achterwasser.
Die Stimmung an größeren Gewässern ist immer etwas Anderes als hier auf dem Land. Frischer Wind, weite Blicke, Schilf, Boote und ihr Zubehör, man kann sich nicht sattsehen, als Landratte. Ob das die Bewohner der Küsten- und Seeregionen auch so empfinden? Ich weiß es nicht. Vielleicht sind für sie Berge und Täler die kleinen Sensationen im Urlaub.
Heute ist mir einmal nicht nach Erkundungsgang. Ich nehme mir eines der Fotos als Anregung und erfinde eine Landschaft mit einem Zugang zu einem See. Ein Boot liegt am Strand, gesichert durch eine Leine. Schuppen und eine knorrige Weide kommen noch hinzu, ein bisschen Zaun und fertig. Zugegeben, die Weide sieht etwas exotisch aus.

Am See
Am See 24×32 Bleistift auf Papier

Butterblumen und Wehrkirche

Der Himmel hat sich in den letzten Tagen ein schon fast toskanisches Blau zugelegt und das schöne Wetter der Osterfeiertage hält weiterhin an. Im Internet war ein köstliches Bonmot zu lesen: Wenn es nicht regnet, bleibt es trocken.
Gestern:
Die Kelche der Butterblumen öffnen sich in der späten Nachmittagssonne weit. Manche Blüten sind schon abgefallen. Ich schneide mir von den großen, gelblich getönten Papierbögen, die ich einmal als Restposten erworben hatte, ein paar Blätter zurecht. Ungefähr 30cm mal 43cm. Ich will neuerdings auch größer skizzieren als A5 und A4, keine Ahnung, woher dieser Drang kommt. Auf dem kleinen Klapphocker neben dem Rasenstück sitzend, welches den Gartenteich von der Einfahrt trennt, wähle ich schwarze Kreide und beginne Butterblumen zu zeichnen.

Butterblumen
Butterblumen schwarze Kreide auf getöntem Papier 30 x 43

Heute Morgen:
Für das zurechtgeschnittene Zeichenpapier brauche ich eine Unterlage, sonst geht das nicht. Gestern hatte ich mich mit der Rückseite einer Ölmalplatte beholfen. Also fahre ich nach Neustadt in den Baumarkt und lasse mir eine HDF-Platte auf 40cm mal 50cm zuschneiden. Die passt gut in die kleine Zeichentasche und wenn die Blätter einmal ein bisschen größer werden, komme ich damit noch bis zu diesen Abmaßen aus. Den Rückweg nehme ich über die Tälerdörfer, die in den Hügelland-Tälern liegen. Eine herrliche Landschaft, und das Wetter ist sommerlich. In Döblitz stelle ich das Auto am Straßenrand ab. Die alte Wehrkirche zeichne ich immer wieder gerne und jetzt muss ich die neue Unterlage testen. Ich nehme diesmal einen 4B Bleistift. Das getönte Papier hat eine leichte Struktur, die sich bemerkbar macht. 4B funktioniert gerade noch. Besser für diesen Zeichengrund wären wohl Kohle, Kreide oder 8B Bleistifte. Das getönte Papier will tiefe Dunkelheiten. Bei den Butterblumen ging das schon ganz gut. Ich muss den Bleistift zweimal spitzen, weil sich die Spitze völlig aufgebraucht.

Wehrkirche Döblitz
Wehrkirche Döblitz Bleistift auf getöntem Papier 30 x 43

Kohlezeichnen

Lilienstein
Lilienstein

Wie ein adipöser Lindwurm wälzte sich die Wolke über den fernen Lilienstein. Stift, der Zeichner von den drei Eichen, bestaunte das Schauspiel mit offenem Mund. Schon kreiselten seine Gedanken, ob sich denn von diesem Naturwunder ein verkäufliches Blatt in Kohle anfertigen ließe. Mit seinem Gefährten Fludribus befand er sich auf Wanderschaft, um Zeichnungen nach der Natur anzufertigen. Stifts merkwürdige Neigung zum intensiven merkantilen Grübeln ließ ihn zuweilen sogar die auf ihn wartende bezaubernde Camilla, Tochter der Signora Palpiti, vergessen. Nicht nur das, auch die Kohle, das Zeichenmaterial, hatte er zu Hause liegen gelassen. Also machten sich Stift und Fludribus daran, ein kleines Feuerchen zu entfachen, um ein paar Buchenzweige, die sie vom Waldboden aufsammelten, zu verkohlen.
Da blies aus der Lindwurmwolke ein heftiger Wind, der das Feuer in das trockene Unterholz trieb und schon brannten die Büsche und kleinen Bäume auf der Felsplatte, die sich die beiden fahrenden Künstler zum Aussichtspunkt gewählt hatten, lichterloh. Bei dem Versuch, das Feuer zu löschen, stürzten sie schließlich vom Felsen. Glücklicherweise fielen sie in eine Gruppe junger, stachliger Fichten, die die sausende Abfahrt soweit bremsten, dass sie sich zwar unversehrt, aber doch mit blauen Hinterteilen auf weichem Grase neben einem friedlich dahin murmelnden Bach wiederfanden. In diesem Moment entfuhr dem Lindwurm, der sich weiter herangewälzt hatte, ein knallender Blitz und der darauf folgende Gewitterregen löschte das Feuer auf dem Plateau über ihnen.
Die Erkenntnis der Geschichte ist, dass das Kohlezeichnen nicht ganz so einfach ist. Aber doch einfach genug, dass jeder es getrost einmal versuchen kann. Die Zeichenkohle zwingt zum großzügigeren Arbeiten. Man sollte zunächst auf allzu viele Details verzichten. Kohle kann gut korrigiert werden und eignet sich zum Entwerfen von Bildern.

Mann vor altem Grabstein
Mann vor altem Grabstein

Leider gibt es auf Grund der oben geschilderten Ereignisse keine Bilder vom Studiengang der beiden Künstler. Deshalb habe ich, ungeachtet oder trotz meiner verkümmerten Fähigkeiten, versucht, selbst eine Ansicht der Lindwurmwolke über dem Lilienstein in Kohle zu wagen. Der geneigte Leser verzeihe die laienhafte Umsetzung.
Ein glücklicher Umstand spielte mir außerdem zweiter Blätter aus den Skizzenbüchern von Stift und Fludribus in die Hände, die ich hier gerne als Beispiele für Kohlezeichnungen anhänge.

Porträtstudie Tagore
Porträtstudie Tagore

Auf den beiden Blättern ist ein einmal ein Mann dargestellt, der vor einem alten Grabstein sitzt und den plötzlich ein Vogel besucht, zum anderen eine Porträtstudie von Tagore.