Der seltsame Pilz

Der kleine Keilrahmen, der, schon lange vergessen in einer Kiste hinter dem Regal steckte, kam beim Aufräumen in der Werkstatt, was eher ein gedankenverlorenes Herumkramen war, zum Vorschein. Es gibt eben Tage, da kommt man nicht an die Staffelei zum Malen, ja man flüchtet geradezu davor.

Dann räumt man hier ein bisschen, da ein bisschen, kocht noch einen Tee und erfindet sich eine Ausflucht nach der anderen, obwohl die innere Stimme, zwar leise, doch nachdrücklich, „Geh malen“, anmahnt.
Die Leinwand war sehr dunkel grundiert, ein düsteres Weinrot. Wahrscheinlich eine Mischung aus gebrannter Umbra und englischem Rot in einer Kaseinemulsion zu Tempera verarbeitet. Ich weiß es einfach nicht mehr ganz genau. Auf dieser Grundierung war eine Felslandschaft in hellerem Ocker flüchtig aufgewischt, auch in einer mageren Kaseintempera.
Da war der Bann gebrochen, keine Ausrede mehr greifbar. Ich drückte meine derzeitigen Standardfarben auf die Palette, die da sind: Titan-Zinkweiß, Zitronengelb, Kadmiumgelb hell, lichter Ocker, Kadmiumorange (noch von Rubens aus Nerchau), Englischrot, gebrannte Umbra, Ultramarin, Cölinblau, Schwarz und etwas Chromoxidhydratgrün.
Ja und nun? Es könnte ja eine Art Talkessel werden, bewaldet und verwuchert, mit einem Tümpel, ein Biotop. Aber so ganz menschenleer soll es auch nicht sein. Das geht doch nicht. Ein Pilzsammler muss her. Wer sonst verläuft sich in so eine Wildnis? Nur ein Pilzsammler, der dieses Hobby quasi wissenschaftlich betreibt. Ein dilettierender Mykologe, der sich in sein Fachgebiet derart vertieft, dass er im Wald auf seinen Forschungsgängen von den Pilzen in immer dichteres Unterholz gelockt wird, vom Weg abkommt, sich verirrt.
Dann wird er fündig. Ein noch nie gesehener, in der Fachliteratur noch nie beschriebener Pilz. Ist es ein Mutant? Ist das Biotop doch nicht so bio? Ist das die Chance, dass Glück des tüchtigen Dilettanten, kann sein Name, latinisiert, Einzug in die Systematik der Pilze halten?
Nun, ich kann das nicht einschätzen. Auf jeden Fall braucht der Tümpel einen Bach als Abfluss und als Zufluss leiste ich mir einen schönen Wasserfall. Der Waldboden im Vordergrund wird noch ein wenig bemoost und damit ist das Bild fertig.

Der seltsame Pilz, 33 x 24, Öl auf Leinwand

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