Landschaften aus dem Gedächtnis

Hurra, ich kann Voraussagen machen, die zu 100% eintreffen. Manchmal jedenfalls. Gestern schrieb ich noch hier im Blog, dass die Digitalisierung bald ihren Siegeszug auf die Bildende Kunst ausdehnen wird. Heute hörte ich mit ungläubigem Staunen im Radio, bei Christie’s wird das erste Gemälde, welches von Computeralgorithmen geschaffen wurde, versteigert. Die vorläufige Schätzung soll sich auf 7000 bis 10000 Euro belaufen. Eine kurze Recherche im Internet bestätigte die Korrektheit der Nachricht.

https://www.monopol-magazin.de/christies-versteigert-werk-eines-algorithmus

So viel wie menschliche Intelligenz bringt das Werk zwar noch nicht ein. Stephen Hawkings Nachlass wird zufällig auch gerade versteigert und allein seine Doktorarbeit wird auf 100.000 Dollar geschätzt. Das ist eine andere Hausnummer. Aber immerhin: Das Portrait of Edmond Belamy der künstlichen Intelligenz sieht dem berühmten Jesus-Bild der spanischen Rentnerin Cecilia Giménez verblüffend ähnlich.

Ecce Homo for Doña Cecilia Giménez

 

 

 

 

 

 

Um nach diesen aufregenden Neuigkeiten das Gemüt wieder zu beruhigen, widmete ich mich dann lieber dem Zeichnen von Landschaften aus dem Gedächtnis mit einem 2B Bleistift.

Landschaftsstudie 24 x 32 Bleistift 2B

Abends im Feld

Hausgruppe bei Leubsdorf

Am frühen Abend ergab sich doch noch die Gelegenheit, auf die Pirsch zugehen. Hinter einem abgeernteten Feld bei Leubsdorf eine kleine Gruppe von Häusern. Die letzte Zeichnung für heute. Jetzt ist Feierabend. Ach, im angrenzenden Wald war ich noch, um zu schauen, ob sich vielleicht der eine oder andere Pilz für das Abendbrot finden lässt, doch entweder bin ich auf dem Pilzauge blind, oder der Sommer war zu trocken. Da standen nicht mal Fliegenpilze.

Erkundungsgang

 

Als ich heute in der Früh aus dem Fenster schaute, bot sich mir die Landschaft dar, wie an einem zu warmen Novembermorgen. Graue Nebel allerorten, Nieselregen und so richtig Tag wollte es auch nicht werden. Dann, am Nachmittag, wurde es zunehmend trockener und es hellte auf. Die Gelegenheit war günstig für den Landschafter, sich auf einen Erkundungsgang zu wagen. Ich fuhr nach Miesitz. Ein Stück hinter dem Ortsausgang in Richtung Traun gibt es einen schönen Blick zurück auf ein paar Hügel zwischen denen die B281 in Richtung Triptis verschwindet.

Landschaft an der B281 bei Miesitz

Blickt man über Miesitz, erheben sich Felder und hinter den fernen Wäldern beginnt das Holzland.

Landschaft bei Miesitz

Weiter nach Traun. Durch das kleine Dorf geht es schnell mit dem Auto. Mit dem Fahrrad ist ein nicht unerheblicher Anstieg zu bewältigen. Kurz nach Traun Richtung Lemnitz bieten sich herrliche Aussichten in das Orlatal.

Blick in die Orlasenke bei Traun

Auf der anderen Seite steigt das Gelände weiter an. Von Waldstücken eingeschlossen liegen abschüssige Felder.

Feld bei Traun

Über Lemnitz und Leubsdorf zurück nach Triptis.

Orlasenke Richtung Lemnitz

Waldweg

Waldweg Ölskizze auf Papier

Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich das Bild so lasse. Es ist ja nur eine Studie auf Papier und nur von der Größe A4. Ich wollte einen Weg, der durch einen Wald führt malen. Eine Skizze vor Ort hatte ich schon vor längerer Zeit gemacht. Es gibt ein Buch über Landschaftsmalerei von Gottfried Bammes. Bammes war sozusagen der Papst der Künstleranatomie im Osten. Seine Anatomie, „Der nackte Mensch“, ist ein Standardwerk für Studierende und Dozenten. Mein langjähriger Dozent für Porträt und Akt, Volker Träger, hatte seine Ausbildung in Anatomie noch bei Bammes erhalten. Nebenbei war Bammes begeisterter Landschaftsmaler und hatte oben erwähntes Buch über Landschaftsmalerei verfasst. Ganz wissenschaftlich gibt es in Bammes‘ Buch Arbeitsanweisungen für Problemfelder und nicht Anleitungen für „Wie malt man…“. Ich übernehme mal diese Ausdrucksweise und habe demzufolge das Problemfeld Waldweg mittels einer Ölskizze auf Papier bearbeitet. Nach der Bearbeitung ergaben sich für mich zwei Fragen: 1. Soll der rechte vordere Baum auch einen Schlagschatten erhalten und 2. ist das Bild ohne Staffage zu leer? Da ich diese Fragen zurzeit nicht beantworten kann, berufe ich mich auf meine künstlerische Freiheit und lasse die Ölstudie möglicherweise unvollendet. Studien dürfen das.

Sitzender Jüngling Ölskizze auf Papier

Sitzender Jüngling Ölskizze auf Papier A4

Bei diesem Bild habe ich mit Kaseintempera und Umbra den Malgrund, es ist hier nur ein geleimtes Papier, grundiert. Das hat sich sehr gut bewährt. Auf dieser Grundierung stehen sowohl helle, als auch dunkle Farben sehr gut und man kann die Wertigkeiten von Licht und Schatten wunderbar beurteilen. Auf jeden Falls besser, als auf einem rein weißen Grund. Dem Bild tut es keinen Abbruch, wenn es unfertig bleibt. Dort, unterhalb der Hände, kann man die Grundierung sehen.

Kühe und Köpfe, Sein und Seiendes

Neulich war ich unterwegs, um Kühe zu zeichnen. Leider gibt es heutzutage nicht mehr so viele Rinderweiden, sodass ich eine ganze Weile suchen musste. In der Gegend von Linda und Knau in Thüringen wurde ich endlich fündig. Ein eingegrenztes Stück Wiese auf dem Kuh war. Kuh ist demzufolge das Sein dieser speziellen, von mir gesuchten Washeit… oder anders bezeichnet deren Wesen? So habe ich es jedenfalls bei Heidegger verstanden. Bei Wikipedia kann man nachlesen: „…Mit Sein bezeichnete Heidegger in Sein und Zeit grob gesagt den Verständnishorizont, auf dessen Grundlage einem innerweltlich Seiendes begegnet…“. Die existente Kuh Pauline, die mir freundlicherweise Modell stand, wäre das aktuell von mir wahrgenommene Seinde des Wesens (der Washeit, des Seins?) Kuh.

Kühe Skizzen

Was haben Kühe und Köpfe miteinander gemein? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten Blick sind es sprachliche Begriffe für Sein oder Seiendes? Ich sage mal, für Sachen, die es gibt. Auf den dritten Blick sind beide, Kuh und Kopf, dem übenden Menschen als Modelle für das Zeichnen und Malen gerne disponibel. Die Vorlage für die Kopfstudie ist von einem unbekannten holländischen Meister. Es ist eigentlich einer der drei Heiligen Könige. Der mit dem Weihrauch. Die Studie habe ich auf grundiertes Papier gemalt. Wie ich Papier für die Ölmalerei grundiere, steht hier. Untermalt habe ich mit stark mit Terpentin verdünnter Ölfarbe: Zinkweis, Ocker, Sienna gebrannt, Krapplack und Ultramarinblau. Die Untermalung habe ich rund eine Stunde anziehen lassen. Wenn man vormittags untermalt, kann man ein Mittagsschläfchen für das Antrocknen der ersten Farbschicht nutzen. Für die Übermalung kamen als Farben noch hinzu: Zitronengelb, Irgazienrot und Umbra gebrannt.

Kopfstudie nach unbek. holl. Meister

p.s.
Da kommt mir ein Gedanke: Ein Nichts könnte ja auch ein Sein sein, welches noch nicht in die Wahrnehmung getreten ist. Ich hatte im Zusammenhang mit Heidegger mal was von entbergen gelesen. Was noch nicht entborgen ist, ist Nichts…oder besser, das Nichts verbirgt Sein. Daraus folgt, die beiden Skizzen waren Nichts, bis ich sie gezeichnet und gemalt hatte. Dadurch wurden sie aus dem Nichts zu Seienden des Seins Studie. Daraus folgt weiterhin, als Maler und Zeichner ist man auch Entberger. Ein ermutigender Gedanke.

Die Übermalung

Landschaftsstudie übermalt

Die Übermalung ist nun auch fertig und gefilmt. Hier geht’s zur Untermalung. Ich habe zum Filmen nur meine alte Digitalkamera von Olympus. Da ist nach 12 bis 13 Minuten der Speicher voll. Das heißt, ich musste andauernd unterbrechen und das Videoschnipsel auf den Rechner laden. Am Ende alles zusammenfügen und in ein Zeitraffervideo umwandeln. So richtig in den Flow bin ich dadurch beim Malen nicht gekommen, aber es ist schon interessant, sich die eigenen Malversuche am Ende noch einmal anzuschauen.

Das Bild ist nur 10 cm mal 15 cm groß und auf ein geteiltes A4 Blatt eines Ölmalblockes von Norma gemalt.

Für die Übermalung habe ich folgendes Material verwendet: Ölmalpapier, Grüne Erde, Umbra gebrannt, Ocker, Zitronengelb, Titanweis/Zinkweis 1:1, Irgazienorange, Sienna gebrannt, Krapplack, Ultramarinblau, Cölinblau, Malmittel aus Terpentin, Leinöl und Alkydharz

Was wäre noch so zu berichten? Heute Vormittag in Neustadt und ein altes Fachwerkhaus skizziert.  Ja, ich gebe zu, ich musste viel korrigieren. Ich könnte es ja auf die wiederkehrende Hitze schieben. Abkühlung täte not. 🙂

Alte Häuser in Neustadt
Bleistift A4
von Carl Weltwitz