Wo stehe ich?

Es war im Jahr 1170, als Adolph der Kühne durch die Lande ritt. Nach durchfochtenem Scharmützel kehrte er am 27. August im Landgasthof Zum rostigen Harnisch ein. Adolph ließ sich an einem der klobigen Tische nieder, lüftete das Wams und streckte die müden Glieder. Er bestellte beim Wirt eine große Portion Bratkartoffeln mit Spiegelei und zwei Humpen kühlen Bieres. Geschwind wurde ihm das Gewünschte serviert, da flog die Tür auf und Albrecht der Schreckliche betrat die Gaststube. Er kam ebenfalls geradewegs vom Schlachtfeld, wo er den Tag verbracht hatte, um sich für das morgige Getümmel zu regenerieren. Der Schreckliche zog sich noch schnell einen abgebrochenen Feindespfeil aus dem Oberschenkel und setzte sich zum Kühnen an den Tisch.
„He Wirt! Bring Bier. Blitz und Hagel, wenn Du dich nicht sputest!“
Dann musterte er sein Gegenüber: „Für wen zogt Ihr heute zu Felde? Für die Orlamünder?“
„Gegen sie.“
„Dann stehen wir morgen gegeneinander. Doch jetzt wollen wir gemeinsam Krüge leeren! Sind wir beide doch für das Schwert und den Humpen geboren.“
Da kam schon das frische Bier. Der Wirt sah dem Philosophen Hegel, der genau 600 Jahre später geboren werden sollte, auffallend ähnlich(Hier ist ein Post über Hegel auf dem Blog Silvae). Er selbst konnte das damals freilich nicht wissen, doch wir wissen es. Aber das nur nebenbei. Albrecht trank Krug um Krug und fing an ein altes Lied des Minnen Gottlob Cramer zu singen.

„Dort oben auf der Haide
War immer meine Freude;
Jüngst band ich meinen Gaul
Dort an den Lindenbaum,
Und schlief, und träumte süß,
Ach! einen schönen Traum.“

Er hielt plötzlich inne: „Wo steht euer Pferd?“
„Es steht am Leubsdorfer Weg“, entgegnete der Kühne und griff sich einen neuen Krug. Bald saßen beide wortlos mit wunderlich verdrehten Augen vor sich hinstarrend am Tisch. Aus den Bärten troff das Bier. Lassen wir die beiden in ihrem düsteren Schweigen vor ihren Humpen allein und schauen in die moderne Zeit, ins Heute.
Viel hat sich seitdem verändert: Aus den Pfeilen sind USB Sticks geworden, aus den Pferden Autos und aus den Waffengängen Fußballspiele. Die merkwürdigste Veränderung aber ist folgende: Der moderne Mensch sagt, ich steh am Leubsdorfer Weg, und meint damit, dass sein Auto dort steht. Neulich, als ich wegen eines Termins eine Firma besuchte, kam der Geschäftsführer zum Empfang um mich abzuholen. Er fragte mich: „Wo stehen Sie!“
Hätte ich geantwortet, „Vor Ihnen“, wäre das eventuell kein günstiger Auftakt für das weitere Gespräch gewesen. Also beugte ich mich den modernen Gepflogenheiten und sagte: „Auf dem hinteren Besucherparkplatz.“

Parkplatz

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